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Berlin to go, Ausgabe 3.2019

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PERSPEKTIVEN Michael

PERSPEKTIVEN Michael Wrulich ist seit Anfang des Jahres Geschäftsführer der Rennbahn Hoppegarten. BERLINER ORIGINALE Rennbahn Hoppegarten blickt auf mehr als 150 Jahre Geschichte Text: Inka Thaysen Die historischen Backsteinbauten, die alten Bäume, die Patina, das althergebrachte Flair der Anlage... Die Rennbahn Hoppegarten umweht auch heute noch fast greifbar der Hauch der Geschichte. Und wenn die Startglocke läutet und die muskulösen Beine und gespannten Körper der Vollblüter diesen Hauch mit einem Mal in Bewegung, ja in euphorischen Aufruhr versetzen und die Publikumsmassen auf den Tribünen abwechselnd den Atem anhalten und in Richtung des Starterfelds Anfeuerungen rufen, dann erfüllt damals wie gegenwärtig pure Spannung die Luft über dem weitläufigen Gelände vor den Toren Berlins. 151 Jahre hat die Location inzwischen auf dem Sattel. Eingeweiht am 17. Mai 1868 im Beisein des damaligen König Wilhelm I. und des späteren Reichskanzlers Otto von Bismarck, entwickelt sie sich seinerzeit schnell zu einer der bedeutendsten Galopprennbahnen Europas. „Das war früher die Sportart Nummer 1“, erklärt Geschäftsführer Michael Wrulich. „Wenn man sagte, mein Sohn ist beim Sport, bedeutete das, er ist Jockey in Hoppegarten. Sport war gleich Pferdesport. Sogar der Bahnhof in Hoppegarten wurde extra wegen der Rennbahn erweitert und vergrößert.“ Nahezu 1000 Pferde haben hier, im führenden nationalen Trainingscenter, bis 1945 ihre Stallungen. Fotos: © Rennbahn Hoppegarten GmbH & Co.KG 22

Und auch heute ist das Anwesen nicht nur angesagter Hotspot für rennsportaffine VIPs, sondern genauso für Ausflügler jeden Alters, die einen schönen Tag an der frischen Luft verleben möchten: „Familie ist bei uns ein großes Thema“, betont Wrulich. „Wir bieten für jeden etwas – zu unserem Sport, den Wetten, der Spannung kommen ergänzend ein breites kulinarisches Angebot, dazu Hüpfburgen, Ponyreiten, Kinderschminken und vieles mehr für die kleinsten Gäste. Die Verweildauer liegt bei fast fünf Stunden, die Gästezahlen sind seit Jahren auf Wachstumskurs.“ Zu DDR-Zeiten sorgt unterdessen die Bodenreform für die Enteignung des Union-Klubs als damaligem Rennbahnbesitzer in Hoppegarten, die VE Rennbetriebe sind ab 1952 neue Eigentümerin, 1974 übernimmt die vor Ort ansässige VEB Vollblutrennbahnen die Regie über alle ostdeutschen Rennbahnen. Wichtige Gestüte und Besitzer, genauso wie Trainer und Jockeys, wandern damals in den Westen ab. Achtmal beschwört das „Internationale Meeting der sozialistischen Länder“ noch einstigen Glanz und frühere Gloria. Pferde und Menschen aus dem Westen sind nicht dabei. Das war längst nicht immer so, Hindernisse und holprige Streckenabschnitte gehören auch hier zur Geschichte. Die vergangenen eineinhalb Jahrhunderte sind den Folgen historischer Ereignisse und politischer Entscheidungen unterworfen, aber auch manchem Besitzerwechsel, Unwägbarkeiten, Durststrecken. Unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg werden die heute unter Denkmalschutz stehenden vier großen Tribünen errichtet, 1934 wird die Grunewald-Rennbahn für den Bau des Olympiastadions geschlossen und die Hoppegartener Haupttribüne nochmals erweitert. Ende der 30er-Jahre haben sich außerdem Rennbetrieb und Vollblutzucht von der lähmenden Weltwirtschaftskrise erholt, die Begeisterung kehrt zurück. Im Zweiten Weltkrieg zieht nach einem Luftangriff auf Hamburg das traditionelle Derby der Hansestadt vorübergehend nach Berlin, und selbst gegen Kriegsende finden noch Wettbewerbe statt, die allerdings geringe Besucherzahlen und Toto-Einnahmen verbuchen. 1944 wird die Haupttribüne gar zur Rüstungsfabrik. Nach der deutschen Niederlage dann werden viele Galopper von Alliierten in Besitz genommen oder von hungernden Menschen schlichtweg verzehrt. „Bauernrennen“ mit Pferden ohne Papiere und Nicht-Vollblütern reichern mangels wirklich hochklassiger Vierbeiner bis in die 50er-Jahre die Renntage an. „Wenn man sagte, mein Sohn ist beim Sport, bedeutete das, er ist Jockey in Hoppegarten.“ Michael Wrulich Nach der Wiedervereinigung aber kommt es bald zu einem ganz besonderen Highlight, eines von Michael Wrulichs Lieblingsevents der gesamten Rennbahn-Historie: „Am 31. März 1990 gab es hier den ersten ‚deutsch-deutschen‘ Renntag mit fast 30.000 Zuschauern. Die Menschen konnten ihre Wetten in zwei Währungen abschließen, D-Mark oder Ost-Mark. Auch Gerhard Schöningh, unser heutiger Inhaber, war damals als normaler Besucher vor Ort und Teil dieses historischen Moments.“ Doch bis er tatsächlich einsteigt und das gesamte Unternehmen auf neue Beine, neue Hufe stellt, vergehen zunächst noch weitere schwierige Jahre: Der im Anschluss an die Rennbahn Hoppegarten GmbH zwischenzeitlich ‚neue alte‘ Hausherr, der Union-Klub von 1867, kann den Betrieb nicht stemmen, der dadurch schließlich zurück an die Voreigentümerin wechselte. Die wiederum schreibt die Rennbahn zum Verkauf aus, findet aber zunächst keinen passenden Bewerber. Am 17. August 1997 liefen Kamele um die Wette. 2000 fand sogar ein Rennen mit Elefanten statt.

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